Ne kölsche Jung

Dom!

Rhing!

Ihrefeld!

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"Kratz un Krätzjer" Wolfgang Jaegers und Norbert Faßbender im Brauhaus Sion, Köln

 

 

 

 

 

Es gab eine Zeit, da begann jemand, mit auf kölsch übersetzten Tom Waits-Songs aufzutreten - ein Erfolg. Die intellektuelle Szene war begeistert. Die Brücke von der kölschen Ursprünglichkeit zum gehobenen Welt-Avantgardismus war geschlagen. Regionale Kost konnte angenommen werden, ohne Zugeständnisse zum Karneval machen zu müssen. Es war noch eine Zeit weit vor Brings als Karnevalsband. Der "Neue Spießer“, wie man ihn heute nennt, war geboren. Damals nannte man ihn so nicht. Grün war gerade erst modern geworden. Der Aufstieg der „Stunksitzung“ folgte. Mit und nach dem Chlodwigplatzkonzert der Arsch-Huh-AG wurde festgeschrieben, dass die Sprache der „einfachen Leute auf der Straße“ fortan auch anderen gehörte. Jeder gehörte dazu.

Eigentlich war diese Zeit bereits vorbei gewesen. BAP eröffnete die Fusion von kölschem Slang, Arbeiter- und Studentenmilieu und professioneller Rockmusik bereits viele Jahre vorher. Das identitätstiftende daran war aber in den späten Achtzigern bereits deutlich verloren gegangen, BAP sicher auch mangels Konkurrenz zur nationalen Superband aufgestiegen und dem Image der sympathischen Veedelsrockband etwas verlustig gegangen. Auch musikalisch orientierte man sich hier „größer“.

Nun fand die etwas fadenscheinige neue kölsche Volkstümlichkeit in einem zweiten Parelleluniversum statt - parallel zum Karneval. Symbolisiert wurde dieses am besten durch den Wechsel Tommy Engels in die „neue Welt“. Recht und Unrecht hatte er wohl zugleich. Waren doch die Bläck Fööss die am meisten vom Karneval vereinnahmte Musikgruppe, die eigentlich keine Karnevalsband war. Von den „Höhnern“ sprach man damals noch nicht. Aber um die vernachlässigte Mitte, weder vereinnahmt von der einen noch der anderen Seite, um die geht es jetzt.

Es existierte damals eine Musikkassette mit Rockmusik, auf deren letztem Viertel der Rest des überspielten zu hören war: eine Splittergruppe der Bläck Fööss, die als einsame Abordnung scheinbar durch Karnevalssitzungen zog, und spärlich intstrumental begleitete kölsche Lieder sang, die uns unbekannt waren. Diese Kassette stammte aus Köln-Rath, wo die Bläck Fööss hausten, und war irgendwo hergekommen. Mangels Internet und heute verfügbaren Möglichkeiten blieben Art und Ursprung des ganzen unbekannt. Offensichtlich war aber, dass hier die dritte Säule, zwischen den beiden großen Paralleluniversen, zu hören war, der Ursprung von allem. Es waren Krätzjer! Als eines Tages die Kassette weg war, war es auch die Musik.
Zu kaufen gab es dies damals nicht. Es kannte auch niemand. Was für einen primitiven Horizont hatte unsere neue kölsche Welt. Damit geriet diese Performance zwar nicht in Vergessenheit, aber auf den Ablagestapel der unerledigten, nicht wieder aufgenommenen Anregungen.
Jetzt, über zwanzig Jahre danach, wird dergleichen wieder besprochen. Wir haben zwei gefunden, die sich dem annehmen.